20. October 2014, 07.07

Boom beim Online-Handel verursacht derzeit zusätzlichen Verkehr

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Der Online-Handel boomt. Was im Idealfall Einkaufsfahrten vermeiden kann, führt unter den derzeitigen Rahmenbedingungen zu mehr Verkehr.

Das Angebot ist verlockend und die Schuhe schauen wirklich toll aus. Doch sind sie klein oder groß geschnitten? Anprobieren geht nicht, also werden zur Sicherheit gleich mal drei Größen des gleichen Modells bestellt. Zwei Paare werden wieder retour geschickt – der Online-Händler bewirbt extra den „kostenlosen Retourversand“. Und so gehen statt eines Paars Schuhe drei Paare auf Reisen – zwei davon mit einem Rückreise-Ticket. Doch dem ist an „Verkehrserregung“ noch nicht genug: Leider war der Kunde nicht zu Hause als der Lieferdienst das Paket zustellen wollte. Also kommt das Paket mit den drei Schuhen wieder in den Klein-Lkw und wird zum Servicepartner gefahren – etliche Kilometer von der Wohnung des Kunden entfernt. Der Kunde holt also das Paket dort ab – im Idealfall mit Fahrrad oder mit Öffis, meist aber mit dem eigenen Auto. Die Transportkette ist hier noch nicht zu Ende: Das Paket mit den zwei Paar Schuhen, die nicht passen, muss ja noch zur Post getragen werden. Und vom Postamt geht es dann zurück zum Lager des Online-Händlers. Viele Kilometer also, die diese Schuhe zurückgelegt haben, bevor sie den ersten Schritt am Fuß des Käufers oder der Käuferin machen dürfen.

 

Ein Einzelfall? Leider nein. Im Gegenteil, der geschilderte Fall ist bei vielen Produkten die Regel. Bei Schuhen und Kleidung beträgt die Rückgabequote rund 30 Prozent, bei Modeversandunternehmen gehen bis zu 50 Prozent der Pakete zurück. Ein Grund für die hohe Rückgabequote ist, dass viele im Internet spontan bestellen. Das Durchschnittsalter liegt bei 26 Jahren. Eine Umfrage von PwC ergab, dass jede dritte Person Waren online bestellt, obwohl beim Kauf bereits feststeht, dass die Artikel höchstwahrscheinlich zurückgeschickt werden.

 

Der Online-Handel macht in Österreich bereits einen Umsatz von rund sechs Milliarden Euro aus – und wird in den kommenden Jahren weiter zulegen. Mehr als die Hälfte der 16- bis 74-Jährigen bestellt Waren im Internet. Das Wachstum des Online-Handels zeigt sich auch in der zunehmenden Zahl der Paketzustellungen. In Österreich wurden im Jahr 2013 rund 156 Millionen Pakete zugestellt, um rund 21 Millionen mehr als noch im Jahr 2009.

 

Dabei hätte der Online-Handel durchaus das Potenzial Verkehr zu vermeiden. Eine Studie aus Frankreich zeigt, dass es durch den Online-Handel zu einer Verlagerung von privater Einkaufsmobilität zum Wirtschaftsverkehr (Zustelldienste) kommen kann. Um diesem Ziel möglichst nahe zu kommen, ist eine Reihe von Maßnahmen nötig, wie der VCÖ im Rahmen eines Projekts erhoben hat. Das Ergebnis des VCÖ-Berichts: Vor allem vier Faktoren erhöhen im Zusammenhang mit dem Online-Handel das Verkehrsaufkommen. Die fehlende Bündelung der Lieferverkehre, die hohe Rate an Retoursendungen, teilweise zusätzliche lange Abholwege, wenn Kundinnen und Kunden bei der Zustellung nicht zu Hause sind und die meist fehlende Möglichkeit, bei der Online-Bestellung eine umweltfreundliche Zustellung auszuwählen.

 

Die Einführung eines Umweltgütesiegels für Transportdienstleistungen würde dem wachsenden Umweltbewusstsein von Konsumentinnen und Konsumenten Rechnung tragen. Auch sollte es ähnlich der Auswahlmöglichkeit Expresslieferung oder Normallieferung auch die Auswahlmöglichkeit, „klimafreundliche Zustellung“ für die Bestellenden geben. In Deutschland etwa ist in der jüngsten Vergangenheit die Zahl der im Transportbereich eingesetzten Lastenfahrräder stark gestiegen. Eine Untersuchung zeigt, dass in Städten vier von zehn motorisierten Warentransporten mit Fahrrad oder Lastenfahrrad erledigt werden können. In der englischen  Stadt Cambridge profitieren die Lastenfahrrad-Botendienste, dass es in der Innenstadt zwischen 10.00 und 16.00 ein Lkw-Fahrverbot gibt.

 

Einen wesentlichen Beitrag zur Verkehrsvermeidung können neutrale Paketstationen liefern. Dorthin werden, unabhängig vom Zustelldienst, Pakete geliefert. In der Region sind Paketstationen an Standorten sinnvoll, die ohnehin oft besucht werden, um Extrafahrten zu vermeiden. In Städten sind neutrale Paketstationen auch an Verkehrsknotenpunkten wie Bahnhöfen und U-Bahnstationen nützlich. Bei neuen Siedlungen und Wohnhausanlagen sind neutrale Paketstationen schon in der Planung vorzusehen. Die Paketstationen sollen gut zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichbar sein und lange Öffnungszeiten haben. Und bei der Bestellung soll es möglich sein, die Paketstation als Zustelladresse auszuwählen.

 

Die meisten der von Zustelldiensten eingesetzten Lieferwägen sind Klein-Lkw, die eine sehr schlechte Umweltbilanz aufweisen (die Österreichische PostAG zeigt, dass es auch anders, nämlich umweltfreundlicher geht). Gerade für Städte ist die vom Verkehr versursachte Luftverschmutzung ein großes Gesundheits- und Umweltproblem.  Umso wichtiger wäre es, gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen, dass die Logistik verbessert und die Lieferdienste umweltfreundlicher werden.

 

Auch in dieser Frage gilt: Das Problem ist sichtbar, die Lösungen liegen am Tisch. Es bracht nur noch gehandelt werden – von der Politik.

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