06. August 2015, 09.09

I Love Brot – Kreative Ideen und weniger im Mülleimer

  • Bild - (c) Gianmaria Gava
    (c) Gianmaria Gava

In Wien wird so viel Brot weggeworfen, dass damit locker ganz Graz versorgt werden könnte. Der stetig wachsende Berg an Lebensmittelabfall ist nicht nur ethisch bedenklich sondern wirtschaftlich ebenso unsinnig. Auch ökologisch stehen besonders Städte hier vor einem wachsenden Problem. Neben Wohnen und Mobilität zählt die Nahrungsmittelproduktion zu den größten Verursachern von Umweltverschmutzung. Dass das nicht sein muss und es auch wirtschaftlich interessante Lösungen dafür gibt, zeigt nun das Projekt I Love Brot in Wien.

Vor einiger Zeit habe ich bei bewusstkaufen die Aufgabenstellung und eine unserer partizipativen Methoden, die Brottagebücher näher vorgestellt. Jetzt nach zwei Jahren ist das Projekt mit zwei umgesetzten Projekten und einer Reihe von konkreten Ergebnissen im Bereich der Bewusstseinsbildung, abgeschlossen.

 

Kurz nochmal zur Erinnerung: Bei I Love Brot entwickelte Studio Dankl und ein interdisziplinäres Team gemeinsam mit Bäcker Horst Felzl neue Lösungen für jene Backwaren, die täglich nach Verkaufsschluss übrig bleiben. Der folgende Beitrag erzählt welche Lösungen entstanden sind und meint vorab: Design kann sich bei sozialen und ökologischen Herausforderungen einbringen. Das Projekt I Love Brot zeigt wie: mit interdisziplinären Teams und offenen Aufgabenstellungen, die ungewöhnliche Lösungen zulassen.

 

Wiens erster Brotautomat und Felzolini

Als Folge der Analysen und Konzepte im Designprozess wurde ein Brotautomat eingeführt, über den Kunden auch nach Ladenschluss noch Backwaren, einkaufen können. Wiens erster Brotautomat befindet sich in der Schottenfeldgasse 88, Ecke Bernardgasse, dort wo die Bäckerei Felzl auch ihre Backwaren produziert. Nach Ladenschluss wird der Automat mit bester Backware gefüllt, die tagsüber keine AbnehmerInnen fand. Die Produkte können vergünstigt über Nacht aus dem Automaten gezogen werden. Das gibt die Möglichkeit auch noch nach Ladenschluss qualitativ hochwertiges Brot & Gebäck zu genießen und trägt zur Reduzierung der Abfallmenge bei. Die Illustrationen an der Fassade stammen von Stephanie Hilgarth und sorgen dafür, dass die Initiative sichtbar ist und PassantInnen den Brotautomaten nicht übersehen können.

 

Als zweiter Lösungsansatz werden Felzolini, ein völlig neues Knabbergebäck aus hauchdünnen gerösteten Brotscheiben, produziert. Diese Brotchips werden in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen angeboten und sind eine leichte Alternative zu Kartoffelchips. Zubereitet werden sie aus verschiedensten Brotsorten, die in den Felzl-Filialen nicht verkauft werden konnten. Brot vom Vortag wird in hauchdünne Scheiben geschnitten, mit der Restwärme der Backöfen geröstet und mit hochwertigen Zutaten geschmacklich veredelt. Die Rezepturen wurden mit ExpertInnen der Universität für Bodenkultur entwickelt, ein eigens geschulter Bäcker ist für die Produktion bei Felzl zuständig. Ganz klar, Felzolini gibt es nur wenn Brot übrig geblieben ist. Aber schon Tante Jolesch wusste um den Reiz des Raren und so können sich die KundInnen eben doppelt freuen, wenn es wieder Felzolini gibt.

 

Was hat’s gebracht: Backwarenabfall um 45% reduziert

Grundlage für die umgesetzten Lösungen waren eingehende Analysen der Ausgangssituation. Vom Projektpartner ECODESIGNcompany GmbH wurden im Juni 2013 wichtige Umweltkennzahlen in der Bäckerei Felzl ermittelt. Der Fokus lag vor allem in der Auswertung der täglichen Retourware, also Altbackware, die in den einzelnen Filialen Schottenfeldgasse, Pilgramgasse sowie Kaiserstraße nach Verkaufsende übrig geblieben ist. Auch der tägliche Energieverbrauch von Strom und Gas in den einzelnen Filialen wurde ermittelt, um eine Umweltbewertung für die Erzeugung und den Verkauf von 1kg Brot für das Unternehmen vorzunehmen. Die erste Umweltanalyse ermittelte einen 16%igen Anteil an Abfall, das entspricht einer Sonntagsproduktion der Bäckerei. Bei einer erneuten Datenerhebung im Jänner 2015 sollte herausgefunden werden, ob die Menge der täglichen Retourware durch die umgesetzten Lösungen ‚Felzolini‘ und ‚Brotautomat‘ reduziert werden konnte. Bezogen auf diese Menge fallen durchschnittlich derzeit täglich ca. 9,0% an Retourware an. Im Vergleich zur ersten Datenerhebung hat sich dieser Anteil also um ca. 45% verringert.

 

Die Initiative I Love Brot hat sich auch zum Ziel gesetzt auf drei allen Ebenen der Nachhaltigkeit - ökologisch, wirtschaftlich und sozial – zu arbeiten und Menschen auf die Problematik von Lebensmittelabfall aufmerksam zu machen. Ein wichtiger Aspekt im Projekt war daher ein offener Designprozess. Gemeinsam mit den MitarbeiterInnen, als auch mit den KundInnen wurden in einem Co-Design-Prozess Lösungen entwickelt. Als Ergebnis hat sich auch das Bewusstsein für den Umgang mit Retourware und den Rohstoffen im Unternehmen gewandelt. Eine größere Achtsamkeit und Aufmerksamkeit der Belegschaft sind die Folge. Die KundInnen geben Felzl Recht, indem sie beide Angebote sehr gut annehmen und zum Gesprächsthema im Grätzel machen.

 

Dafür wurde das Projekt im Mai 2015 auch mit dem Viktualia Award des Bundesministeriums für ein lebenswertes Österreich ausgezeichnet. Aus der Begründung der Jury: „Diese kreativen Innovationen sind schnell umsetzbar und können mit wenig Aufwand auch von anderen Bäckereien oder Restau­rants nachgeahmt werden. Die Verfügbarkeit auch außerhalb der Geschäftszeiten bietet die Möglichkeit, Supermärkten Paroli zu bie­ten. Das neue Konzept ist leicht verständlich und verbindet Abfallvermeidung mit Nach­haltigkeit und Wirtschaftlichkeit. Zudem verleiht es Brot eine neue Wertigkeit.“ Wir freuen uns natürlich über die Auszeichnung, die vor allem bedeutet, dass Aufmerksamkeit auf das Thema Lebensmittelabfall gelenkt wird und Bewusstseinsbildung über das konkrete Projekt I Love Brot hinaus, passiert.

 

I Love Brot hat gezeigt, dass multi-disziplinäre Teams auf völlig neue Lösungen kommen. Wir bieten die gewonnenen Erfahrungen ab sofort auch anderen KundInnen an. Das Neuland-Team besteht aus Kathrina Dankl (Produkt- und Servicedesign), Thomas Hruschka (systemische Unternehmensberatung), Andrea Lunzer (Marketingmanagement), Angie Rattay (Kommunikationsdesign) und Wolfgang Wimmer (Umweltbewertungen).

 

www.neuland.ac, eine Initiative von Studio Dankl www.studiodankl.com

Das Projekt wurde mit Unterstützung von departure und Wirtschaftsagentur Wien realisiert.

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