27. March 2017, 07.07

Pack to the roots - "soziale Textilien"

  • Bild - Pack to the roots -

Die NüPack-Rucksacktasche ist mein erstes Produkt, dass ich nach meinem Studium und Praktikum in Berlin entworfen habe. Als ich damals nach Berlin ging, hatte ich einen Koffer mit – ich wollte einen Rucksack zum Reisen entwerfen, in den alle meine Dinge passen, der schön aussieht und leicht ist. Ich habe mich beim Design von der Origami-Faltkunst meines Bruders inspirieren lassen. Das Material ohne es zu Zerschneiden, einfach durch Faltungen zu Formen ist eine hohe Kunst.

Mein Ziel war es ein simples Stück zu kreieren, sodass man den Stoff größtenteils wieder auseinandernehmen und zu etwas Neuem verarbeiten kann. So kann man die Rucksacktasche ganz einfach upcyclen und den Lebenszyklus des Material erneuern und verlängern. Intelligentes Design und ein effizienter Materialverbrauch vereinen sich in der NüPack, da bei der Herstellung beinahe kein Abfallprodukt entsteht.

Zu dieser Zeit habe ich mich intensiv mit der britischen Arts and Crafts Bewegung auseinander gesetzt und wollte ebenso - entgegen der Industrialisierung - das Handwerk aufrecht erhalten und mein Wissen über Workshops vermitteln.


Kooperation mit lokalem Team aus SchneiderInnen in Vietnam

Als zweite Generation vietnamesischer Migranten habe ich meine Wurzeln in Vietnam. Als ich zur Beerdigung meiner Großmutter nach Vietnam gereist bin, war ich wieder entsetzt über die Lebensumstände der Menschen vor Ort. Während der spirituellen Zeremonie wünschte ich mir etwas für die Menschen des Landes tun zu können. Vietnam als Textilhersteller wird von der Massenindustrie stark ausgebeutet. Da wir im Westen, als Konsumenten zu diesem globalen Problem beigetragen haben, sehe ich es als meine Aufgabe mich für dieses Thema einzusetzen.

Als ich nach der Reise wieder nach Berlin zurückkehrte, hat das Schicksal Nhung aus Hanoi und mich zusammengeführt. Als Projektmanagerin der Rosa-Luxemburg-Stiftung Hanoi war Nhung in der Berlin zu Besuch und ich zu dieser Zeit noch in meinen Nebenjob in einer Papeterie beschäftigt. Wir fanden schnell heraus, dass wir für die gleichen Ziele kämpfen. Sie erzählte mir von der NGO ihrer Schwester, die Nähmaschinen gespendet bekommen hatte, diese aber nicht in Betrieb genommen werden können, weil ihnen die Kenntnisse fehlen. Nach dieser Begegnung habe ich alles in die Wege geleitet, um das Projekt zu realisieren. Die gesamte Planung hat etwa ein Jahr gedauert, bis ich endlich meine Reise “Pack To The Roots” starten konnte.


Feedback der  NäherInnen und KäuferInnen

Anfangs waren die Näherinnen etwas irritiert, da ich mit dem NüPack-Rucksack und der Kamera vor Ihnen stand und versuchte Ihnen mein Vorhaben zu vermitteln. Dass es sich hierbei nicht um einen einfachen Auftrag handelte, sondern um ein interaktives Miteinander-Arbeiten, war ihnen etwas fremd, auch dass sie vor der Kamera für den Dokumentarfilm stehen werden, hatte sie zu Beginn etwas eingeschüchtert. Über all die gemeinsamen Momente hin hatten wir eine starke persönliche Verbindung aufgebaut, die sich auch in den Produkten widerspiegelt. Meine Workshop-Teilnehmerinnen waren zum Schluss sehr stolz über ihre eigene NüPack, die noch dazu ihre Namen trägt.

Nicht nur für meine Näherinnen, sondern auch für meine Kunden ist eine Persönlichkeit im Produkt – ich nenne sie “soziale Textilien” ausschlaggebend. Gemeinsam mit den Kunden arbeiten wir eine persönlich zugeschnittene NüPack aus, sodass sie als besonderes Stück dauerhaft, wie der “handgestrickte Lieblingspulli von Oma” getragen wird.

Kürzlich hatten wir speziell für einen Auftrag eine NüPack aus gewachster Baumwolle genäht, sodass sie wetterfest ist. Als Kunde sehe ich auch Kooperationen mit anderen sozialen Organisationen an. In der türkischen Stadt Sinop am Scharzen Meer hatten wir die NüPack im Großformat aus Segelplanen hergestellt, um sie am Strand als Müllsammelstationen zu installieren. Das Produkt ist sozusagen flexibel und vielseitig und kann nach Bedarf konzeptuell angepasst werden. Die Ziele sind immer die gleichen – sich nachhaltig für unsere Welt einzusetzen.


Praktische Einkaufstipps

Beim Kauf von Kleidung würde ich dazu raten sich Zeit zu nehmen, um sich mehr Informationen einzuholen, bzw. auf die Siegel GOTS oder Fairtrade zu achten. Nur so kann man sich vergewissern, dass die getragene Kleidung aus ökologisch und fair produzierten Stoffen bzw. unter fairen Arbeitsbedingungen, mit gerechter Entlohnung und ohne Kinderarbeit produziert wird. Es gibt glücklicherweise bereits viele Online-Plattformen, wie grundstoff.net oder armedangels.de die faire Mode anbieten. Über diese Websites kann man sich reinen und ruhigen Gewissens gut eindecken. Sogar Modeketten wie C&A und H&M haben mittlerweile das “Detox-Commitment” unterzeichnet und bieten eine Linie aus Bio-Baumwolle an. Generell rate ich dazu, einfach nicht den Modetrends hinterher zu laufen, sondern sich einen Stil zu kreieren, der auf lange Sicht zu einem passt.


Aspekte in der Produktentwicklung

Bei der Herstellung meiner Produkte überdenke ich sehr viele Aspekte – soziale und nachhaltige Faktoren, Qualität und Design müssen in sich ein geschlossenes Konzept ergeben. Zudem muss es nach außen hin transparent und klar für unsere Kunden und Interessierte sein. Für das Vietnamprojekt habe ich z.B. separat einen Dokumentarfilm produziert, der einen interessanten Einblick gewährt. Ein neues Stadt-Souvenir zB. soll die billigen Tourismus-Plastik-Wegwerfartikel, die meistens in Asien produziert werden ersetzen. Bei der Produktentwicklung habe ich auf eine Kooperation mit einem lokalen Hersteller und die Zusammenarbeit mit einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen geachtet. Auch die Einzelteile wie Ketten und Verschlüsse beziehe ich auch aus lokalen Herstellern. Den Aufbau von nachhaltigen, regionalen Produktionen sehe ich als besonders wichtig und zukunftsträchtig. Dies setze ich über meine internationalen Kooperationen und Entwicklungsprojekte um.


Kleidung und mehr

Gerade arbeite ich intensiv an dem Thema nachhaltige Ernährung und entwickle mein Rezeptbuch “Nü's Cooking” sowie den dazugehörigen Youtube-Channel mit leckeren veganen Rezepten aus regionalen Bio-Lebensmittel. Mit einer veganen Lebensweise kann man nicht nur zur eigenen Gesundheit beitragen, sondern auch einen bedeutenden Anteil zum Klimaschutz leisten. Für Ende des Jahres plane ich ein neues Projekt mit Weberinnen aus Indien zu starten.

Kommentare

Was meinen Sie?

Die Kommentare von User und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe Spielregeln), zu entfernen.