09. July 2014, 09.09

Rote Karte oder Fair Play

  • Bild - Fußball WM
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Die Welt scheint zurzeit gespalten, in die Fußballwelt und die andere eben. Für die einen dreht sich alles um die Helden in bunten Trikots, die das runde Leder – gekonnt, das geb ich gern zu – vor tobenden Massen in ebenso bunten Trikots in den wohl modernsten Fußballstadien dieser Welt über das Grün jonglieren. Die anderen sind die Verweigerer, die Fußball-Uninteressierten. Zumindest aus Europa betrachtet, sieht es so aus.

Globaler gesehen zeigt sich das Ganze ambivalenter – und das gerade in Zeiten eines derartigen Massen-Events. Denn im so fußballbegeisterten Brasilien machte sich Ernüchterung breit, die negativen Begleiterscheinungen, die das schöne Spiel – das „jogo bonito“ – mit sich brachte, treffen gerade die ärmeren Bevölkerungsschichten stark. So kam es zu Unruhen während des Confed-Cups im Juni 2013 und unter anderem zu Demonstrationen gegen Fahrpreiserhöhungen in Rio Anfang des Jahres. Gerade Rio de Janeiro, wo auch die Olympischen Spiele 2016 ausgetragen werden sollen, verändert sich rasant. So hat das Volkskommitee der WM und der Olympischen Spiele (Comitê Popular da Copa e Olimpíadas), das sich mit urbanen Verdrängungsprozessen und negativen Auswirkungen der Sportgroßereignisse auseinandersetzt, auch hier seinen Ursprung. Mittlerweile in 12 WM-Städten vertreten haben sich in den Kommitees soziale Bewegungen, NGOs, Betroffene, WissenschaftlerInnen und Gewerkschaften vernetzt und entwickeln Gegenstrategien. Sie schätzen, dass aufgrund der Bauprojekte mittlerweile ca. 250.000 Menschen in ganz Brasilien enteignet, vertrieben und verdrängt worden sind und keinen gleichwertigen Wohnersatz erhalten haben.

 

99 Prozent der Gelder zur Finanzierung der Meisterschaften stammen aus der brasilianischen Staatskasse, nicht wie von Präsident Lula da Silva 2007 versprochen von privaten Unternehmen. So flossen bisher 11,5 Milliarden Euro in den Bau und Umbau der Fußballstadien, in Transportsysteme und Flughäfen, die jedoch nach dem Ende der Meisterschaften nur einem sehr kleinen Teil der Bevölkerung zugutekommen werden. Denn viele der Stadien werden dann privaten Betreibergesellschaften übergeben, die letztendlich auch die Erlöse erhalten. Viele können sich auch die nun viel teureren Eintrittskarten nicht mehr leisten.
Diese Milliardenausgaben gehen jedoch vor allem auf Kosten höchst notwendiger Investitionen in das marode Bildungs- und Gesundheitssystem und in den öffentlichen Verkehr.

 

Wie fair spielt die FIFA?

Am Beginn jeder Fußball-Übertragung bekommen alle Zuseherinnen und Zuseher Jingles der FIFA zu Fair Play im Fußball zu sehen, gut und wichtig. Doch wie weit geht die Fairness? Gilt sie nur während der Spielzeit? Lang bevor die Spieler den Rasen betreten und gleich nachdem sie ihn verlassen haben, ist es aus damit!

 

Die FIFA jedenfalls sichert sich ab. So erließ das brasilianische Parlament 2012 eigens ein Rahmengesetz für die WM, das der Fußball-Föderation profitsteigernde Sonderrechte zusichert. Dass es in Teilen gegen die Verfassung verstößt wurde in Kauf genommen, denn ohne dieses Regelwerk hätte Brasilien wohl kaum den Zuschlag für die Ausrichtung erhalten.

 

So ist beispielsweise gewerblicher Handel oder Werbung außer für von der FIFA kontrollierte Sponsoren in den Ausschlusszonen rund um die Stadien, Fanmeilen und Trainingszonen untersagt. Dies kommt der Privatisierung öffentlichen Raumes gleich. Konkret bedeutet dies auch, dass Straßenhandel verboten ist, von dem viele BrasilianerInnen ihren Lebensunterhalt beziehen. Die Werbeverträge mit den Sponsoren bringen der FIFA, neben lukrativen weltweiten Fernsehrechten, Einnahmen in Milliardenhöhe. Steuerfrei, denn Steuerfreiheit ist ein fixer Bestandteil der Vergabekriterien.

 

Südafrika blieb nach der WM 2010 auf einem Schuldenberg von 2,3 Milliarden Euro sitzen, während die FIFA einen Gewinn in ähnlicher Höhe machte. Wie wird es Brasilien ergehen? Wer trägt etwaige Schulden?

 

Nachhaltigkeit, fairer Sportkonsum?

Wie geht man als Fußball-Fan damit um?

Nicht konsumieren? Der FIFA wird’s nicht schaden, sie hat ihre Fernsehrechte schon verkauft.

Österreichische NGOs haben sich zusammengeschlossen und eine gemeinsame Initiative gestartet für Globales Fair Play, und nicht nur auf dem Spielfeld: Nosso Jogo (Unser Spiel)

Viele Veranstaltungen und Workshops haben schon im Vorfeld der WM stattgefunden, viel tut sich noch, wie alternative Public Viewings mit Rahmenprogramm und Kinderprogramme.

 

Gemeinsam wurde auch eine Petition für bindende Menschenrechtsstandards bei Sportgroßevents erarbeitet, die unter anderem verbindliche Arbeitsrechts-, Menschenrechts-, Kinderrechts- und Umweltschutzbestimmungen fordert sowie eine Sicherstellung von nachhaltig positiven Effekten für das Gastgeberland durch den Aufbau langfristiger Wirtschafts- und Arbeitsbeziehungen. Darüber hinaus sollen Steuerbefreiungen für die FIFA und das Internationale Olympische Komitee und deren Sponsoring-PartnerInnen zurückgenommen und beendet werden. 

 

Also es geht: nachhaltiger konsumieren – und natürlich: fair produzierte Fußbälle kaufen!

 

 

Tipps:

 

www.nossojogo.at – Initiative für globales Fair Play

Getragen von

VIDC und FairPlay

Südwind

Lateinamerikainstitut

Frauensolidarität 

Globalista 

Jugend Eine Welt

Weitere Informationen zu Initiativen und Veranstaltungen auf dieser Website oder bei den genannten NGOs (Arbeitsgruppe Kinderrechte, der „EINE Welt-Fußball“, Arbeitsrechte und Frauenrechte, ...)

 

Petition „Nosso Jogo“ für bindende Menschenrechtsstandards bei Sportgroßevents!

 

www.derive.at – Zeitschrift für Stadtforschung. In den offiziellen Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe „Smart Cities“ hat sich Rio de Janeiro als (Mit-)Austragungsort der Fußball-WM der Männer 2014 und der Olympischen Spiele 2016 ins Zentrum gerückt und so bietet dieser inoffizielle Schwerpunkt des Heftes Einblicke aus Sicht der Stadtforschung.

Kategorie: Ethik, Wohlstand

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