05. November 2015, 09.09

Vom Verbrauchen zum Gebrauchen

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Liebe Verbraucherin, lieber Verbraucher! Fühlen Sie sich bei dieser Anrede wohl? „Verbraucher“ oder gar „Endverbraucher“ sind doch eigentlich furchtbare Begriffe. Auch „Konsument“ ist nicht gerade schmeichelhaft. Es klingt, als würden unser Materialdurchsatz und unsere Warenbeschaffung unsere alleine bestimmenden Merkmale sein. Und wer ist schon gerne ein materialverschlingendes Etwas? Der Duden beschreibt einen Verbraucher als „jemand der Waren kauft und verbraucht“. Bei der Wurstsemmel mag das ja noch zutreffen, aber kaufen Sie sich zum Beispiel eine Waschmaschine um sie zu verbrauchen?

 

Manches wiegt schwerer als man denkt

Andererseits: Aus ökologischer Sicht ist unser Materialverbrauch natürlich alles andere als nebensächlich. Ganze 22,2 Tonnen Material pro Kopf und Jahr beträgt unser aktueller Verbrauch in Österreich. Vielleicht fragen Sie sich jetzt, wie sich das ausgeht? Schließlich bedeutet das einen täglichen Verbrauch von 60 Kilogramm und so viel hat wohl niemand täglich im Einkaufskorb. Das liegt daran, dass der größte Teil unseres Materialverbrauchs in Produktionsprozesse und den Bau von Gebäuden und Infrastruktur fließt – Dinge, die wir zwar täglich nutzen, aber wahrscheinlich nicht bewusst unserem täglichen Konsum zurechnen. Doch auch in den klassischen Konsumgütern ist eine Menge Material „versteckt“. Wenn man beispielsweise bei einem Mobiltelefon den gesamten Aufwand von der Rohstoffproduktion bis zur Entsorgung berücksichtigt, würde es über 75 kg wiegen!


Länger und besser nutzen

Also sind wir doch „Verbraucher“? Aber eigentlich kaufen wir uns Produkte ja in erster Linie um sie zu nutzen. Und nicht nur aus ökologischer Sicht macht es Sinn, wenn sie ihren Nutzen möglichst lange erfüllen. Wenn eine Waschmaschine schon nach zwei oder drei Jahren den Geist aufgibt ärgert man sich wahrscheinlich in erster Linie über den Kosten- und Zeitaufwand, den das verursacht. In vielen Fällen kann man solchem Ärger schon beim Einkaufen vorbeugen. Drei „billige“ Waschmaschinen in zehn Jahren sind im Endeffekt deutlich teurer als ein langlebiges Qualitätsprodukt. Und auch wenn mal was kaputt wird: vieles lässt sich reparieren. Reparaturwerkstätten sind eigentlich Fachbetriebe für Ressourcenschonung. Sie leben davon, scheinbar Verbrauchtes wieder gebrauchsfähig zu machen. Viele Reparaturen kann man mit etwas Geschick auch selbst durchführen. Zum Beispiel in einem Repair Café.


Reparieren bei Kaffee und Kuchen

Die Idee zu den Repair Cafés entstand 2009 in Holland und hat sich seither rasant verbreitet. Man trifft sich gemeinsam zum Kaffee und bringt dabei kaputte Gegenstände zum Reparieren mit. Vor Ort gibt es Werkzeug und Unterstützung durch geübte Reparateurinnen und Reparateure. Die eigentliche Reparaturarbeit macht man aber selbst. „Die beste Art herauszufinden, wie etwas funktioniert, ist es auseinanderzunehmen!“ heißt es im „Self Repair Manifesto“ des Reparaturportals ifixit.com. Darum geht es nämlich auch: die Dinge zu „begreifen“, sich ein Verständnis und Fähigkeiten anzueignen. Die nächste Reparatur schafft man vielleicht schon alleine. Wobei man das vielleicht dann gar nicht mehr will, weil das gemeinsame Reparieren wahrscheinlich doch mehr Spaß macht. „Reparieren verbindet Menschen und Dinge.“ steht auch im Self Repair Manifesto.


Upcycling – die Kunst der Verwandlung

Selbst wenn etwas tatsächlich nicht mehr reparierbar oder gebrauchsfähig ist, lassen sich oft Teile davon noch sinnvoll weiternutzen. Mit „Upcycling“ ist sogar eine eigene Design-Richtung entstanden. Gegenstände werden dabei neu zusammengesetzt und aus scheinbar nutzlosen Dingen wieder ein neues Produkt gemacht. Bekannte Beispiele dafür sind Möbel aus Paletten oder Taschen aus alten LKW-Planen. Upcycling Produkte sind das Gegenstück zur industriellen Massenware und ein ideale Angebot für alle, die einzigartige, individuelle und kreative Produkte schätzen.

 

Nur mal schnell die Welt retten?

Reparieren, Wiederverwenden und Upcycling machen Sinn und sind ein Beitrag zur Ressourcenschonung. Ein Wundermittel zur Rettung der Welt oder ein Umweltschutz-Wunderwuzzi sind sie nicht. Müssen und können sie auch nicht sein. Für eine ressourcenschonende Lebens- und Wirtschaftsweise werden Veränderungen auf vielen Ebenen passieren. Schon in der Produktion von Gütern sollte der Weg zu hochwertigen Produkten gehen, die lange genutzt und gut repariert oder weiterverwendet und recycelt werden können. Unsere täglichen Kaufentscheidungen sind dabei auch ausschlaggebend. „Qualität statt Quantität“ bringt nicht nur einen ressourcenschonenden Lebens- und Konsumstil, sondern auch einen Gewinn an Lebensqualität.
Reparaturnetzwerke, Repair Cafés und Upcycling-Initiativen sind nur ein kleiner Teil einer ressourcenschonenden Gesellschaft. Aber das Besondere ist: Sie machen Spaß, man erlebt dabei den einen oder anderen kreativen Erfolg und sie bringen einem ein Stück Selbstbestimmtheit. Ob etwas wirklich kaputt ist, entscheidet man selbst. Und mit diesen Entscheidungen vom Kauf bis zur Reparatur und Entsorgung eines Produkts bestimmen wir auch, wie sehr wir tatsächlich „VerbraucherInnen“ sind. Vielleicht reden wir in Zukunft ja vom Gebraucherschutz, Gebraucherrechten und Gebraucherpreisindex.


Breites Angebot an Repair-Cafés, Reparaturworkshops

Es gibt jedenfalls bereits jetzt ein breites Angebot für „GebraucherInnen“. Alleine in Wien finden monatlich bereits an die 30 Veranstaltungen wie Repair-Cafés, Reparatur- und Upcyclingworkshops statt. Alle Termine in Wien finden Sie auf www.reparaturnetzwerk.at/termine. Informationen über solche Veranstaltungen in anderen Bundesländern finden Sie zum Beispiel auf www.repanet.at.

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