10. Januar 2018, 08.08

Warum es wichtig ist, Dinge länger zu nutzen - und was sich dafür ändern muss

  • Bild - (c) Pixabay

 

Aktuelle Lage

 

Tagtäglich werden wir als Konsumentinnen und Konsumenten mit Werbebotschaften konfrontiert und zum Kaufen neuer Dinge angeregt – gerade in der Weihnachtszeit übertreffen sich die neuen Produkte und Sonderangebote: Hier gibt es einen Fernseher, der noch schärfer ist, einen Rasierer, der noch glatter schneidet oder ein Multimedia Gerät, mit dem die Wohnung zum Smart-Home wird. Gerade diese technologischen Innovationen zeigen neue Absatzmöglichkeiten für Hersteller und Handel auf – vom Kühlschrank bis zur Haarbürste, mittlerweile gibt es kaum mehr ein Gerät, das nicht mit dem Handy verbunden und über das Smartphone von überall gesteuert werden kann. Viele dieser Angebote klingen verlockend – und führen dazu, dass bestehende Produkte ersetzt werden, obwohl sie vielfach noch funktionieren.


Dies zeigt die eine Seite der Debatte – Ersatzkäufe werden getätigt, obwohl dies vielfach rein aus funktionstechnischer Perspektive nicht notwendig wären. Auf der anderen Seite zeigen Studien, dass bei vielen Geräten frühzeitige Verschleißerscheinungen auftreten und Produkte entweder schlechter oder gar nicht mehr funktionieren. Erstens werden hier Materialien eingesetzt, die schneller verschleißen – zB Kunststoffteile statt Metalle, zweitens werden Geräte aus design- oder anderen entwicklungstechnischen Gründen immer weniger reparierbar gestaltet – zB der verschweißte Akku beim Handy. Drittens sind Ersatzteile oft sehr teuer oder nach einigen Jahren gar nicht mehr erhältlich. Viertens werden auch hier durch den Einsatz von Software und entsprechender Updates, ältere Produkte nicht mehr serviciert, weswegen Geräte schnell funktionsuntüchtig werden oder große Sicherheitslücken aufweisen.

 

 

Was ist das Problem?

 

Dieser Umgang mit Produkten ist Ergebnis der Wirtschaftsweise der letzten Jahrzehnte, die sich auch auf die Lebenswelt im Alltag auswirkt. Einerseits verlangt die derzeitige Wirtschaftsweise, ständig neuen Absatz, damit Unternehmen zum Wirtschaftswachstum beitragen. Dadurch werden auch Konsumentinnen und Konsumenten in die „Bürgerpflicht“ genommen, mit ihrem Kaufen zum wirtschaftlichen Wohlstand beizutragen. Dafür sind (vermeintliche) Produktneuerungen notwendig, um entsprechenden Absatz erzielen zu können. Dieser wird durch Marketing und Werbung entsprechend forciert.

 

Alles zusammen deutet auf eine große Problematik hin – Dinge werden immer kürzer genutzt. Dies hat sowohl ökologische als auch soziale Auswirkungen. In ökologischer Hinsicht werden durch die immer größeren und diversifizierteren Produktangebote massiv Ressourcen verbraucht. ZB bei der Mode, wo sich durch den Umgang mit Kleidung sogar schon der Begriff Fast-Fashion herauskristallisiert hat. Gab es vor Jahrzehnten noch zwei Mal im Jahr Kollektionswechsel, findet man in manchen Geschäften mittlerweile schon mehrmals in der Woche neue Ware vor. Kleiderschränke zu Hause quellen über, lt Greenpeace hat der Durchschnitt der Deutschen knapp 100 Kleidungsstücke zu Hause, vieles davon wird selten getragen und schnell wieder entsorgt. Ein T-Shirt verbraucht dabei in der Produktion ca 2000 Liter Wasser – und das in Ländern, wo Wasser oft Mangelware ist. Auf der anderen Seite ist auch die soziale Komponente wesentlich: Bestimmte Dinge zu besitzen sind für eine soziale Inklusion wichtig, bei jungen Menschen definiert sich oft Identität und Zugehörigkeit, ob man das neueste Handy oder die neuesten Sneakers besitzt. Gerade Personen mit wenig finanziellen Ressourcen kommen besonders stark unter Druck, hier mithalten zu können. Für die Umwelt sowie für den gesellschaftlichen Zusammenhalt wäre es daher wichtig, dass Produkte einerseits länger halten und andererseits aber auch tatsächlich länger genutzt werden.

 

Was wird getan bzw. müsste auf Unternehmerseite noch getan werden?

 

Auf der Konsumentenseite kann die sogenannte Wegwerfgesellschaft nicht bestätigt werden – lt einer Studie der AK haben Personen Aversionen gegen das Wegwerfen noch funktionstüchtiger Dinge und laut Eurobarometer würden drei Viertel der Befragten lieber reparieren statt etwas neu zu kaufen. In den letzten Jahren formieren sich daher zivilgesellschaftliche Initiativen, die andere Konsumweisen verwirklichen möchten. Eine Initiative sind bspw. Repaircafés, die mittlerweile in ganz Europa verbreitet sind: In einem privat organisierten Kreis treffen sich Personen mit kaputten Gegenständen und reparieren diese unter Anleitung ehrenamtlicher FachexpertInnen selbst. In Österreich gibt es mindestens elf Repaircafés, die regelmäßig organisiert werden.

 

Aber vor allem Unternehmen spielen hier eine wichtige Rolle, die durch Marketingstrategien das Angebot mitbestimmen und daher den Markt verändern können. Hier müsste noch viel mehr getan werden. Unternehmen könnten Standards setzen, indem sie einerseits Produkte wieder umweltfreundlicher gestalten würden, aber indem auch besserer Service von Händlern angeboten wird. In vielen Fällen wird von Händlern bei Reparaturanfragen gleich ein Neukauf empfohlen – Argumente sind dabei, „das zahlt sich nicht aus“ oder „es gibt schon ein viel besseres und günstigeres Produkt“. Oft müssen Produkte außerdem für lange Zeit eingeschickt werden, weil die Kompetenz vor Ort fehlt, die Konsumentin bzw. der Konsument bekommt jedoch meist kein Ersatzgerät zur Verfügung gestellt. Hier gäbe es viele Ansätze für verantwortungsvolle Unternehmen, die mit spezifischem Service durchaus Marktlücken füllen könnten.

 

EU-Bekenntnis zur Kreislaufwirtschaft, aber es braucht noch mehr

 

Mit der dem Paket zur Kreislaufwirtschaft, das im Dezember 2015 beschlossen wurde, bekennt sich die EU-Kommission zur Notwendigkeit, auf ökologischer Ebene umfassende Maßnahmen zu setzen: Produkte sollen umweltgerechter gestaltet werden, weiters sollen Recyclingquoten erhöht und Abfallmengen reduziert werden. Schwerpunktbereiche bilden dabei Kunststoffe, Lebensmittel, aber auch Bau- und Abbruchabfälle. Prinzipiell soll die Strategie auf bestehende Richtlinien wie z.B. der Ökodesign-Richtlinie oder der Abfallrichtlinie aufbauen. Ansatz ist, vorwiegend bestehende Maßnahmen zu einem Paket zu bündeln und gegebenenfalls zu adaptieren.

 

Auf EU-Ebene setzt sich die Konsumentenorganisation BEUC dafür ein, dass Produkte wieder nutzerfreundlicher und langlebiger gestaltet werden und achtet bei der Umsetzung diverser Richtlinien genau auf diese Punkte. Im EU-Parlament wurde im Juli 2017 mit großer Mehrheit ein Antrag beschlossen, der die EU-Kommission auffordert, das Thema noch entschlossener zu verfolgen, ua wird ein EU-Gütezeichen gefordert, das Hinweise auf die Lebensdauer eines Produktes gibt. Die nationale Politik könnte durch verstärkte Maßnahmen Anreize für nachhaltigere Produkte setzen und durch reparierfreundliche Produkte auch die heimische Wirtschaft im Reparatursektor stärken – wie es zB Schweden vormacht.

 

Fazit

 

Diese oben genannten Punkte sind erste wichtige Schritte in die richtige Richtung und dabei nur ein kleiner Ausschnitt vieler möglicher Maßnahmen. Es handelt sich hierbei um ein komplexes Problem, das vieler weiterer Lösungsansätze bedarf. Auf einer Meta-Ebene geht es auch um die Frage der Nachhaltigkeit des aktuellen Wirtschaftssystems, das auf Wachstum aufbaut und sich auch auf die Lebenswelt der Menschen auswirkt. Hier benötigt es à la longue eine breite gesellschaftspolitische Debatte, darüber, wie ein „gutes Leben für alle“ aussieht und wie dies gestaltet werden kann.

Kategorie: Konsum, Ressourcen

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