28. April 2014, 08.08

Wie eine Karotte am Schönheitsideal unserer Gesellschaft scheitert(e)...

  • Bild - Wie eine Karotte am Schönheitsideal unserer Gesellschaft scheitert(e)...
    (C) Shutterstock

... oder die Geschichte vom Lebensmittel-Abfall.

 

Unsere heutige Gesellschaft ist meiner Meinung nach stark getrieben, getrieben durch die Schnelligkeit der digitalen Welt, die es uns ermöglicht auf alles und jeden sekündlich zu reagieren. Getrieben durch einen verstärkten Wunsch nach Konsum, weil uns a.) die Werbung suggeriert alles haben zu müssen und zu können und b.) weil das Angebot auf allen Sektoren so breit ist, dass wir schlicht und einfach die Auswahl haben und uns alles kaufen könnten, was wir wollen, so weit es unser Konto zulässt und darüber hinaus sind wir auch noch getrieben durch Idealvorstellungen, wie Dinge zu sein haben und auszusehen haben. Diese Idealvorstellungen machen vor nichts halt. Nicht vor unserem Haus oder unserer Wohnung, nicht vor unserem Erscheinungsbild, nicht vor unserer Karriere und auch nicht vor unserem Essen.

 

Überall existieren genaue Vorgaben, wie was zu sein hat und was man braucht, um einen gewissen Status zu erreichen. Auch bei Lebensmitteln machen diese Vorgaben keine Ausnahme. So gibt es genaue Normen, wie unsere Karotten, Kartoffel und Gurken auszusehen haben, damit sie in unseren Regalen und Küchen landen „dürfen“.  Diese Normen sind oft aus logistischen Gründen entstanden, um ein leichteres Handling im Bereich der Verpackung und der Weiterverarbeitung zu erreichen und optimieren somit alle Produktionsprozesse entlang der Wertschöpfungskette, sind aber auf der anderen Seite verantwortlich für eine strenge Selektion und somit für einen Großteil unserer Lebensmittelabfälle auf seiten der ProduzentInnen.

 

Da wird also Tonnenweise Gemüse produziert und das unter strengen – wieder – Vorgaben und Auflagen, damit es auch ja als biologisch verkauft werden darf, regional und gesund ist und nach der Ernte scheitert es dann an seinem „Look“. Denn ist die Gurke zu dick, zu dünn oder zu krumm, kommt sie nicht in den Handel und damit nie zu den EndkonsumentInnen sondern landet in der Biogasanlage oder in einem Futtertrog.

 

Wenn man sich einmal ein wenig intensiver mit dem Umgang der Menschen mit Lebensmittel beschäftigt, könnte man die Hände über dem Kopf anstatt satt über dem Bauch zusammenschlagen. Fehlt es im Zuge dieses Umgangs doch an allen Ecken und Enden. Das betrifft nicht nur die ProduzentInnen selber, die an diese handelsüblichen Normen gebunden sind, sondern auch den Handel, die Gastronomie und schlussendlich auch den Herr und die Frau EndverbraucherIn. Denn Lebensmittelabfälle werden entlang der gesamten Wertschöpfungskette produziert und könnten durch einige wenige Maßnahmen drastisch reduziert werden.

 

Dabei ist die Vermeidung von Lebensmittelabfällen nicht nur aus politischer oder finanzieller Hinsicht wichtig sondern auch aus ethischer und gesellschaftspolitischer Sicht, ist die Lebensmittelproduktion doch einen entscheidender Treiber, wenn es um den Umgang mit Ressourcen wie Wasser, Boden und Zusatzstoffen sowie die Produktion von Verschmutzungen und Treibhausgasen geht. Damit hat sie großen Einfluss auf Klimawandel und politische und sozioökonomische Entscheidungen.

 

Die Fakten

 

In Österreich landen ca. 168.000 kg verpackter und unverpackter Lebensmittel pro Jahr im Restmüll, das entspricht rund 40 kg pro Haushalt und einem Wert von 300 Euro. Mehr als die Hälfte des Lebensmittelabfalls entsteht aber bei den ProduzentInnen, im Großhandel und Einzelhandel und der Gastronomie.
Österreich hat es sich zum Ziel gesetzt bis zum Jahr 2016 eine 20%ige Reduktion der Lebensmittelabfälle zu erreichen. Die EU will bis 2020 sogar eine 50%-ige Reduktion der Lebensmittel im Müll und eine 20%-ige Verringerung des Inputs an Ressourcen entlang der Lebensmittelwertschöpfungskette erzielen.

 

Neben diesen Vorgaben auf politischer Ebene werden auch in anderen Bereichen zahlreiche Konzepte und Initiativen entwickelt und ins Leben gerufen um auf das Thema aufmerksam zu machen. Es werden öffentliche Preise für innovative Ideen ausgeschrieben, Kampagnen zu Aufweiterung der Handelsnormen entwickelt und viele KonsumentInnen begeistern sich für Urban- oder Guerilla-Gardening, um ihr eigenes Gemüse und Obst zu produzieren. Ein Umdenken hat also schon begonnen.

 

Man muss aber nicht unbedingt gleich seinen eigenen Garten vor der Tür, am Balkon oder am Fensterbrett errichten, obwohl das zugegebener Maßen sehr viel Spaß macht. Schon ein sinnvoller Umgang mit Lebensmitteln zu Hause, kann viel bewirken. Es gibt dabei einfache Grundregeln, die man leicht befolgen kann, wie: 

  • in den Kühlschrank schauen, bevor man einkaufen geht,
  • oder erst Vorhandenes verkochen, dann Neues kaufen,
  • auf die eigene „Nase“ vertrauen, um zu beurteilen, ob etwas abgelaufen ist, auch wenn es die Packung vielleicht so sagt,
  • saisonal und regional einkaufen und damit einfach im Winter auf Tomaten und Erdbeeren verzichten.

 „Essen statt wegwerfen“

 

Seit Anfang des Monats gibt es „iss mich! - the good food company“, die von Tobias Judmaier dem Waste Cooking Koch initiiert wurde. „Waste Cooking“ hat in den vergangenen zwei Jahren mit einer konsumkritischen Kochshow, die im Internet und auf Community-Sendern zu sehen war, europaweit auf das Thema Lebensmittelverschwendung aufmerksam gemacht.

„iss mich! …anstatt mich wegzuwerfen“ stellt dabei eine wichtige Weiterentwicklung von Waste Cooking dar, die über das „Aufmerksam-Machen“ hinaus geht und sich im Bereich der Gastronomie ansiedelt.
„iss mich!“ bezieht über ein Partnernetzwerk Lebensmittel, die nicht den handelsüblichen Normen entsprechen und verkocht diese zu schmackhaften Gerichten, die man sich ins Büro oder nach Hause liefern lassen kann. Außerdem kann man „iss mich!“ auch als Catering für Veranstaltungen buchen und so einfach beim Genuss von tollen Gerichten zur Reduktion der Lebensmittelverschwendung beitragen.
Mehr dazu unter www.issmich.at

 

Die Mengen an Gemüse die in Österreich übrig bleiben sind enorm und werden oft auch nur in großen Mengen weitergeben. iss mich! hat sich der Verarbeitung dieser aussortierten Lebensmittel gestellt und versucht mit Hilfe der entsprechenden Logistik und vielen HelferInnen diese Gemüse zu verarbeiten, zu lagern und zu vertreiben. Mit Hilfe des klassischen „Einwecken“ im Einmachglas wurde eine hervorragende Lösung gefunden, die frisch eingetroffene Ware schonend zu verarbeiten und die daraus entstandenen Gerichte halt- und lagerbar zu machen. Darüber hinaus sind die iss mich! Gläser Pfandgläser, und werden per FahrradbotInnen CO2 neutral geliefert und auch wieder eingesammelt. Mit jedem iss mich! Glas „rettet“ man 300 g Lebensmittel und spart ca. 50g Verpackungsmaterialien.
Esst etwas! anstatt es wegzuwerfen.

Kommentare

Was meinen Sie?

Die Kommentare von User und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe Spielregeln), zu entfernen.