31. October 2012, 14.02

Ein bewusster Umgang mit den Dingen

  • Bild - Hand mit Rose
    Foto (c) Miguel Ugalde sxc.hu

Werkzeuge sind im Grunde Mittel, mit deren Hilfe wir uns die Welt aneignen und die uns das (Über)-Leben erleichtern. Wesentliches Merkmal der modernen Industriegesellschaft ist die Fähigkeit, durch immer mehr Maschinen in immer kürzerer Zeit immer mehr Dinge mit immer weniger menschlicher Arbeitskraft herstellen zu können. Der Ausstoß an Waren übersteigt unsere Fähigkeit, diese sinnvoll gebrauchen und in unser Leben integrieren zu können.

Auch Kinder lernen im Umgang mit Dingen. Doch ein Zuviel davon wirkt schädlich für deren Entwicklung. Zu viel „bespielte“ Kinder verlieren die Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeit gegenüber der Welt des Lebendigen. Versuche in Kindergärten, in denen für einige Zeit die Spielsachen „auf Ferien geschickt“ wurden, haben gezeigt, dass die Kinder bedeutend mehr mit einander und in Bezogenheit aufeinander gespielt haben.

Was bedeutet dies für einen lebensdienlichen Umgang mit den Dingen? Es geht darum, uns mit Gegenständen zu umgeben, die einem ans Herz wachsen, mit denen wir Freund werden können. Dies erfordert eine Beschränkung hinsichtlich Quantität, ein möglichst langes Nutzen der Dinge, eine bewusste Wahl, eine Rückkehr zu Gütern aus der Region, deren „Geschichte“ wir wieder kennen. Ein solcher bewusster Güterwohlstand macht zufrieden und ist auch nachhaltig, da er den Rohstoffverbrauch drastisch reduziert.

Damit soll keiner Konsumaskese das Wort geredet werden, vielmehr geht es um bewussten Konsum:

  • Mich interessieren für die soziale und ökologische Geschichte der Produkte, die ich er­werbe: Wer hat dafür unter welchen Bedingungen für mich gearbeitet? Wie viel Natur wurde verbraucht?
  • Mir meine Kaufmotive bewusst machen: Brauche ich das wirklich? Was würde mich am Besitz des Gutes freuen? Habe ich überhaupt die Zeit, dem neuen Gut die gebührende Aufmerksamkeit zu schenken?
  • Auf die Gebrauchsdauer und -intensität meiner Güter achten: Wie lange benutze ich Güter? Wann erstehe ich etwas Neues – weil das Alte kaputt, nicht mehr reparierbar, nicht mehr „in“ oder am neuesten Stand ist? Zu welchen Gegenständen habe ich eine persönliche Beziehung aufgebaut? Ist es mir wichtig Dinge lange zu haben?

Güterwohlstand würde also neu definiert. Statt immer mehr zu produzieren und zu konsumieren, ginge es darum, uns mit Gegenständen zu umgeben, die wir wirklich brauchen, mit denen wir „Freund werden“ können. Das permanente „Steigerungsspiel“ würde abgelöst vom Einpendeln auf einem erreichten Niveau. Ankommen statt noch immer mehr zu wollen, wäre das Ziel.

Doch gefordert sind auch Politik und Wirtschaft. Der Wachstumszwang, der auf ein „Immer mehr an Waren“ ausgerichtet ist, kann und muss durchbrochen werden. Eine Wirtschaft, die nicht mehr wächst, bedeutet freilich nicht, dass gar nichts mehr wächst. Wachsen sollen Dinge, die wir wirklich brauchen: Energie- und Mobilitätssysteme, die auch nach Peak Oil Bestand haben und dem Klima nicht weiter einheizen, oder lebensdienliche Einrichtungen wie gute Kindergärten, attraktive Schulen und Universitäten, die menschliche Entwicklung fördern. In ökonomischen Begriffen: Wachsen kann der „öffentliche Konsum“, der „private Konsum“ könnte durchaus schrumpfen – denn nicht alles, was wir kaufen, ist dem Leben zuträglich. Und Wirtschaftsentwicklung heißt immer auch Strukturwandel – überdimensionierte Banken, Dinosauriertechnologien wie Autos mit Verbrennungsmotoren oder Kraftwerke mit Kohle- oder Stromstrom können durchaus verschwinden.

Einzudämmen ist auch die permanente Ausweitung immer aggressiverer Werbestrategien, etwa durch höhere Abgaben auf Werbung und eine Beendigung deren steuerlicher Abschreibemöglichkeit. Nötig wird wohl auch sein, mehr Augenmerk auf Konsumerziehung zu legen. Die Zahl der „Konsumsüchtigen“ steigt gerade unter Jugendlichen stark an. Aufklärung über die Tricks der Werbung und die Fallen des Statuskonsums sind dabei wichtig, aber zu wenig. Junge Menschen müssen sich in ihrem Tun als wertvoll erfahren, dann verliert das vermeintliche Mithalten-Müssen im Bereich des „Shoppens“ an Bedeutung.

„Souverän ist nicht, wer möglichst viel hat, sondern möglichst wenig braucht“, so der Nachhaltigkeitsökonom Niko Paech. Sich diese Haltung anzueignen, wird nicht immer leicht sein und geht nicht von heute auf morgen. Doch sie kann eingeübt werden! Helfen kann dabei die Erinnerung daran, dass Wohlstand viel mehr ist als Güterbesitz – etwa Zeitwohlstand, Beziehungswohlstand oder Tätigkeitswohlstand. Doch darüber ein anderes Mal mehr!

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