10. September 2012, 10.10

Ich kauf nix - Bewusst (nicht) kaufen

  • Bild - Sale (c) Robert Linder / sxc.hu

Gastbloggen für Bewusstkaufen.at/blog also. Spannende Anfrage. Ich kauf doch gar nix, ich kaufe also nicht bewusst, ich kaufe bewusst nicht. Doch auch beim bewusst nicht kaufen lernt man bewusstes Kaufen.

Doch zuerst erkläre ich lieber einmal, wieso ich mich zum einjährigen Shoppingboykott entschlossen habe. Ich habe immer schon gerne geshoppt, on- und offline. Doch im Jahr 2011 übertrieb ich es damit - ich ging wirklich permanent in die Filialen der großen Textilketten und deckte mich mit Dingen ein, die ich sowieso nicht brauchte. Da noch ein Rock, dort ein Kleid, und Himmel, diese Stiefel, die ich online entdeckt hatte, die mussten einfach sein. Der Zusammenhang lag auf der Hand: Aufgrund  von mehreren persönlichen Schicksalsschlägen war ich permanent traurig und schlecht drauf - und brauchte etwas zur Aufheiterung, Ablenkung, Belohnung oder zum Trost. Ich kann mich nicht an das letzte Mal erinnern, wann ich etwas gekauft habe, weil ich es auch wirklich als Kleidungsstück gebraucht habe.

Gleichzeitig war ich aber eine Meisterin der Verdrängung - natürlich war mir klar, dass ich mit dem Rock um zehn Euro Umweltverschmutzung, Pestizideinsatz, Kinderarbeit und mieseste Bezahlung der Näherinnen "mitbezahlte". Nachdem ich bereits seit einigen Jahren im NGO-Bereich arbeite, wusste ich es sogar sehr gut. Doch kaum war ich aus dem Büro draußen und in der favorisierten Textilfiliale drinnen, war dieses Wissen plötzlich sehr weit verdrängt, ganz weit hinten im Hirnkastl verstaut. Weil ich doch so dringend genau dieses Kleid brauchte...

Und damit war ich wohl eine von vielen. Wir alle haben es doch schon mal gehört. So gut wie alle wissen, dass in den Fabriken in Fernost immer wieder Kinderarbeit aufgedeckt wird, viele wissen von den schrecklichen Bezahlungsverhältnissen in Bangladesch, wo Näherinnen um die 40 Euro im Monat verdienen (was auch in Bangladesch alles andere als viel ist), und manche wissen vielleicht sogar, wie umweltschädigend und gesundheitsgefährdend der konventionelle Baumwollanbau ist. Doch mitten im sauberen, gutsortierten, parfümierten und hintergrundbeschallten Fashion Store ist all das nicht zu sehen. Am fertigen Produkt sieht an vielleicht eine schräge Naht oder einen wegstehenden Faden, aber nicht, dass das Kleidungsstück bereits um die halbe Welt verschifft wurde und noch vor seinem ersten Einsatz an meinem Körper mehr Kilometer hinter sich hat, als ich in zwei Jahren zusammenbringen würde.

Meine Entscheidung, für ein Jahr lang keine neue Kleidung, keine neuen Schuhe, Taschen und Accessoires zu kaufen, um meiner eigenen Psyche ein Schnippchen zu schlagen, ging also einher mit dem Beschluss, mich mit der Herkunft meiner Kleidung genauer zu beschäftigen. Damit waren alle die obengenannten Infos wieder ganze weit vorne im Bewusstsein. Inzwischen - es sind bereits über acht Monate meines Projekts vergangen - kommt für mich nächstes Jahr ein Rock oder ein Top um fünf Euro einfach nicht mehr in Frage.

Während meiner Shoppingabstinenz habe ich also begonnen, mich mit dem Rundherum der Bekleidung zu beschäftigen, und nicht mehr nur auf Produkt und Preis alleine zu schauen. Und genau da liegt die Essenz des bewussten Kaufens: Man muss hinterfragen. Egal, ob es sich um Nahrung, Kleidung oder sonstige Produkte handelt: Die Kaufhandlung an sich muss wieder bewusster werden.

Für mich steht fest: Nächstes Jahr gibt es Neukäufe, wenn möglich, nur aus fairer und ökologischer Produktion.


ichkaufnix.wordpress.com

 

Kategorie: Konsum, Handel, Ethik, Mode

Kommentare

  1. 1
  1. Haniella
    Nov 30, 2015 at 10:54
    Ich habe mich auch ganz bewusst für den Weg de Freiheit entschieden.
    Momentan bin ich sehr gespannt, was tatsächlich auf mich zukommt.
    Ab 1.12. gehts los - 1 Jahr without Shopping :-))!
    Haltet mir bitte die Daumen, dass ich es gut erlerne und vor allem fühlen darf, wenn dieser ShoppingWAHNSINN von mir abfällt.
    Haniella

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