05. September 2013, 13.01

Lebensmittel sind Lebens-Mittel

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Ernährung hat viel mit unserem Wohlbefinden zu tun und damit sehr viel mit Wohlstand. Ernährung hat aber auch starke ökologische und soziale Bezüge: Anbaumethoden haben Einfluss auf die Bodenfruchtbarkeit, die Art der Tierhaltung Einfluss auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der Tiere, hoher Fleischkonsum ist energieintensiv und führt in der Regel zur „Besetzung“ von fruchtbarem Land in Ländern des Südens, z. B. der Anbau von Soja für unsere Schweine in Südamerika.

Ernährungsstile sind wesentlich kulturell geformt und abhängig von den geografisch-klimatischen Verhältnissen sowie von den landwirtschaftlichen Produktionsstrukturen, in die Menschen eingebettet sind. Die Ernährungsgewohnheiten in Europa haben sich in den letzten 200 Jahren stark geändert. Der Getreidekonsum ist auf unter 30 Prozent, der Konsum von Ballaststoffen auf unter 25 Prozent des Niveaus um 1800 gesunken. Das heißt, in den Mahlzeiten unserer Vorfahren waren Getreide, Kartoffel und andere pflanzliche Produkte ein viel bedeutenderer Nahrungsbestandteil als in unseren heutigen Menus. Der Anteil von tierischem Eiweiß ist in den letzten 200 Jahren von unter 20 auf über 65 Prozent geklettert. Der Verzehr ballaststoffloser Lebensmittel stieg auf das Fünffache, Alkohol macht etwa 5 Prozent der Gesamtenergiezufuhr aus. Unsere Nahrung ist generell zu fettig, zu salzig und zu süß. So die Angaben der Ernährungsexpertin Sabine Ferenschild in einem „Weltkursbuch“ über die globalen Auswirkungen eines zukunftsfähigen Deutschlands.

Der starke Anstieg des Fleischkonsums sowie von industriell verarbeiteten Lebensmittel hängt mit den veränderten landwirtschaftlichen Produktionsstrukturen zusammen. Hohe Mechanisierung und der Einsatz von Kunstdünger ließen die Produktivität der Landwirtschaft in Europa emporschnellen. War bis ins 19. Jahrhundert die Landwirtschaft der bedeutendste Sektor der Volkswirtschaft, in dem auch die Mehrheit der Beschäftigten zu finden war, so liegt deren Anteil am BIP sowie an den Beschäftigten in den meisten OECD-Ländern heute unter 5 Prozent. Die Ausweitung der Versorgungswege in der mittlerweile globalisierten Speisekammer hat zur immer stärkeren industriellen Vorbearbeitung von Lebensmitteln geführt. In dem Projekt „Was die Welt isst“ wurden Familien aus achtzehn Ländern aller Kontinente mit den von ihnen pro Woche verzehrten Lebensmitteln fotografiert. Die Rationen in den reichen Ländern fallen nicht nur üppiger aus, sondern die Lebensmittel sind fast durchwegs verarbeitet und aufwändig verpackt. Sie haben damit vielfach an Frische und Qualität eingebüßt.

Mit dem steigenden Gesundheitsbewusstsein, aber auch aufgrund der an Häufigkeit und Ausmaß zunehmenden Lebensmittelskandale gewinnen Ernährungsfragen heute jedoch immer mehr an Bedeutung. Wie ernähre ich mich richtig? Wie viel Fleisch ist sinnvoll und gesundheitsverträglich? Welche Gesundheitsvorteile haben Bio-Lebensmittel? Fragen wie diese werden vermehrt gestellt und die Nachfrage nach biologisch erzeugten Lebens­mitteln steigt, worauf auch Lebensmittelketten reagiert haben. Bio-Lebensmittel gehören mittlerweile zum Standardsortiment aller Supermarktregale.

Dennoch fällt auf, dass – gemessen am verfügbaren Einkommen – heute im Verhältnis bedeutend weniger für Ernährung ausgegeben wird als früher. So ist laut Statistik Austria der Anteil am Haushaltsbudget für Ernährung von 50 Prozent in den 1960er-Jahren auf heute etwa 13-15 Prozent gesunken. Wird bei Lebensmitteln sehr genau auf den Preis geachtet –auch wenn die ‚Rechnung‘ häufig ohnedies nicht stimmt: die etwas teureren Bio-Produkte sind nahrhafter und damit auch ausgiebiger, so versagt nicht selten die Rechenvernunft, wenn es gilt ein neues Auto anzu­schaffen oder die nächste Fernreise zu buchen. Was könnte wirklicher Ernährungswohlstand bedeuten? Was gut schmeckt. Was fair und ökologisch produziert ist. Was Körper und Geist gut tut. Was frisch gekocht ist.

Auf Ernähungswohlstand zu achten macht jedenfalls doppelt Sinn: Es ist der eigenen Gesundheit zuträglich und es hilft, unsere ökologischen Grundlagen zu erhalten. Der aktuelle Österreichische Ernährungsreport weist etwa darauf hin, dass aus Gesundheitsgründen der Fleischkonsum (vor allem der Männer) um mindestens ein Drittel reduziert werden müsste.

Wir fassen zusammen: Lebensmittel sind Lebens-Mittel und somit ganz zentrale Güter für unser Wohlbefinden. Doch Lebensmittel sind nicht gleich Lebensmittel. Geschmack, Frische, Art der Zubereitung und Zusammensetzung der wöchentlichen Menüpläne – all das hat Einfluss auf die Qualität unserer Ernährung. Zu Ernährungswohlstand gehören gute Restaurants und öffentliche Küchen, aber auch die Kunst des Selber-Kochens. Beides vertritt beispielsweise die Slowfood-Bewegung. Und natürlich geht es um leistbare Lebensmittel für alle ErdenbewohnerInnen. Ein neuer Ernährungswohlstand könnte zu einer Aufwertung des Landwirtschaftssektors führen. Die Verabschiedung von der agroindustriellen Produktionsweise würde regionale Wertschöpfung und wieder mehr Arbeitsplätze in der Landwirtschaft schaffen.

Initiativen wie Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften, Gruppen, die sich für den Erhalt von Artenvielfalt einsetzen wie die Arche Noah oder Urban Gardening sind wertvolle Nischen-Ansätze eines neuen Bezugs zu Lebensmitteln. Ziel muss jedoch sein, dass alle Menschen in den Genuss von Lebensmitteln hoher Qualität gelangen. Das Deutsche Umweltbundesamt in Berlin hat berechnet, dass ganz Europa autonom aus flächendeckender biologischer Landwirtschaft ernährt werden könnte – einzige Bedingung: Halbierung des Fleischkonsums. Ernährungsstile mit mehr Vielfalt an vegetarischen Genüssen sind daher für Europa, noch mehr für die Welt insgesamt, eine Notwendigkeit  für eine nachhaltige, zukunftsverträgliche Entwicklung. Das muss keinen generellen Verzicht auf Fleisch bedeuten, auch wenn vegetarische Gerichte immer mehr Esstische beglücken, sondern es geht wie beim Güterkonsum um das Prinzip, dass „weniger“ meist „mehr“ ist. Der Kreativität an Kochkünsten sind dabei keine Grenzen gesetzt.


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