29. May 2015, 08.08

Ökofaire Schuhe – (k)eine Selbstverständlichkeit?

  • Bild - (c) Cornelia Stocker, bewusstkaufen.at
    (c) Cornelia Stocker, bewusstkaufen.at

Als ich Kind war, machten meine Eltern mit mir und meinen Brüdern jedes Jahr Urlaub in Budapest, Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger Jahre. Irgendwann fand meine Mutter einen Schuhmacher, der meinem Vater und meinen Brüdern richtig echte Budapester mit Lochmuster fertigte, maßgeschneidert und handgemacht. Ich dachte damals, ja das macht doch eh jeder, nur wir machen‘s halt in Ungarn, weil‘s billiger ist. So wie Mamas Zähne. Ich bekam damals keine Budapester. Dafür – und die Freude darüber hielt sich wenig überraschend massiv in Grenzen – angepasste Schuhe vom Orthopäden wegen meiner Spreizsenkplattwasweißichnochalles-Füße.

Es dauerte ein paar Jahre, bis ich kapierte, dass es nicht selbstverständlich ist, Schuhe von jemandem zu bekommen, der zuerst deinen Fuß vermessen hat. Aber dann war es sehr schnell sehr selbstverständlich. Meine Schuhsammlung wuchs parallel zu meinem studentischen Einkommen.

Bis ich anfing, nachzudenken: Wo kommen meine Schuhe eigentlich her? Überhaupt, wo kommt meine Kleidung her? Bei der Kleidung war es ein Prozess, der mich binnen weniger Monate zu der Erkenntnis führte: Entweder ökologisch und fair produziert, selbstgemacht oder aus zweiter Hand. Dass ich mir mal Winterstiefel (die mir dann auch noch gefallen!) selbst mache, ist mehr als unwahrscheinlich. Second Hand oder ökologisch produziert also. Und ganz ehrlich: Mit Second Hand bei Schuhen hab ich ein Problem. Ein emotionales – ich find‘s einfach ein bissl grauslich -, aber auch ein rein logistisches: Da hat jemand anderer seine Fußform in den Schuh gedrückt, ihn dementsprechend „verlatscht“, und das kann schnell unangenehm werden.

Also fair und ökologisch produziert. Ich hatte da gleich mal eine ganze Liste an Punkten gesammelt: Chromfrei gegerbt, wenn Leder, dann aus europäischer Fleischproduktion, am besten aus Bio-Haltung der Tiere, wenn vegan, dann bitte aus Textil und nicht aus Plastik und warum überhaupt so viel Kleber und Lösungsmittel, austauschbare Sohle, wieso sind da eigentlich so viele Chemikalien bei der Produktion drin, die die Umwelt komplett ruinieren, und und und. Nachdem ein kurzes Gefühl der Überforderung wieder abgeebbt war, machte ich mich auf die Suche. Mit dem gleichen Eifer wie bei der Recherche nach ökofairer Bekleidung suchte ich nach braunen Stiefeln, nach coolen Sneakers, nach Sandalen mit möglichst breiten Riemchen. Doch die Suche stellte sich sehr schnell als enttäuschend heraus, denn der Prozess, der bei der Kleidung längst eingesetzt hatte, war bei ökofairen Schuhen noch nichtmal in Kinderbatschen angekommen: Ökofaire Mode sieht schon lange nicht mehr nach Jutesack aus, ein Vorurteil, das leider immer noch herrscht. Ökofaire Schuhe fand ich vor zwei Jahren, als ich recherchierte, jedoch nur in einer Optik, die dir selbst auf einen Kilometer Entfernung im Nebel entgegenschrie: ICH! BIN! ÖKO!

Ganz ehrlich: Ich fand sie fürchterlich. Warum muss man es den Schuhen denn gleich so ansehen? Warum kann man nicht einen klassischen Bikerboot-Leisten hernehmen und den Schuh aus Ökoleder oder aus nicht-tierischen Materialien produzieren?

Doch in den vergangenen Jahren hat sich wirklich viel getan. Immer wieder stoße ich auf Schuhe, die aus Bioleder sind, austauschbare Sohlen haben, pflanzengegerbt und produziert in Spanien, und die ganz wunderbar modern, klassisch und gut aussehen. Denen man es eben nicht auf den ersten Blick ansieht. Und ich glaube, dass darin auch die Zukunft liegt: Nachhaltige Schuhproduktion ist eine sehr kleine Nische, und wird auch noch lange eine Nische bleiben. Aber innerhalb dieser Nische muss ganz klar ein Zug zum Tor da sein, ein Bestreben nach Verbreiterung und höhere Akzeptanz bei einer größeren Kundenschicht.


Kategorie: Mode

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