04. September 2012, 12.12

Vom gesellschaftlichen Wert des Kochens

  • Bild - Töpfe und Pfannen_Roger Kirby / sxc.hu

Lebensmittel und Ernährung stehen für rund 1/3 von unserem Ressourcenverbrauch, kein Wunder, müssen wir doch jeden Tag mehrmals essen. Hier lohnt es sich also zu betrachten, wodurch Ressourcen verbraucht werden und wo dies vielleicht einfach vermeidbar wäre. In diesem wichtigen Lebensbereich kann ich vieles unmittelbar beeinflussen: Wie ich zum Einkaufen unterwegs bin, wo ich was und wie viel davon einkaufe, wie ich es zuhause zubereite und verwerte.

Eigentlich kann ich also für meinen Lebensmittelkonsum Verantwortung übernehmen. Parallel dazu gibt es aber die gesellschaftliche Tendenz, Verantwortung für die eigene Ernährung abzugeben: An die Hersteller von Fertiggerichten, an Schnellimbisse und an Produzenten von so genanntem Convenience-Food wie gewaschene Salatblätter, Fischstäbchen oder Backmischungen. Bei all diesen Lebensmitteln werden Arbeitsschritte, die früher zum Kochen gehörten, aus dem Haushalt ausgelagert und als Dienstleistung eingekauft. Das kann den Alltag erleichtern, wo Zeit knapp ist. Es kann aber auch Bequemlichkeit sein, die uns zu diesen Produkten greifen lässt.

 

Fakt ist, dass das Angebot an vorbereiteten Lebensmitteln sich vervielfältigt hat und der Absatz steigt. Gleichzeitig zeichnet sich ab, dass Kochen für bestimmte gesellschaftliche Gruppen eine spannende soziale Beschäftigung geworden ist, bei der man interessante Menschen trifft und etwas lernt. Das verdeutlichen die verschiedenen Koch-Magazine, Kochstudios und Kochgruppen, wo jenseits von Hauswirtschaft Kochen als Handwerkskunst, Vergnügen und soziale Praxis zelebriert wird. Das Nebeneinander dieser Trends, die Verbreitung von vorbereiteten Lebensmitteln und die Popularität des Kochens, legt nahe: Es gibt Menschen die kochen, und solche die das nicht tun. Was bedeutet diese Auseinanderentwicklung im Hinblick auf Umweltbelastungen durch Lebensmittelproduktion und Ernährungsgewohnheiten?

 

Die schlechte Nachricht ist, dass Convenience-Food, bis es auf dem Tisch steht, in der Regel einen größeren Verbrauch insbesondere an Energie mit sich bringt als selbst zubereitetes Essen. Die industriellen Verarbeitungsschritte verursachen lange Transportwege, teils sind ununterbrochene Kühlketten erforderlich. Außerdem fallen zusätzliche Verpackungen an, da die Produkte oft portioniert sind. Hinzu kommt, dass viele Gesundheitsprobleme mit dem hohen Konsum von Convenience-Food im Zusammenhang stehen, u.a. aufgrund von deren Zucker-, Fett- und Salzgehalt. Außerdem bieten die Essenszubereitung mit ihren verschiedenen Schritten und das Verspeisen vielfältige Anlässe für das Zusammensein, die wegfallen, wo nicht gekocht wird.

 

Die Frage, ob ich koche oder nicht, wird nicht täglich neu entschieden. Denn Lebensmittel zubereiten zu können ist eine Praxis, die sich aus vielen Aspekten zusammensetzt, angefangen bei Wissen über Lagerung und Verarbeitung. Neben Wissen und Können braucht es bestimmte Gerätschaften und räumliche Voraussetzungen, und schließlich eine gewisse soziale Einbettung, sowohl, um die Arbeit zu teilen als auch um das Ergebnis gemeinsam genießen zu können. Wo nicht mehr gekocht wird, geht wahrscheinlich schnell das Wissen über Lebensmittel und ihre Zubereitung verloren. Oder es konnte sich gar nicht erst entwickeln. Der Geschmack gewöhnt sich an stark gesüßte und gesalzene, immer gleich schmeckende Speisen. Es gibt keine Geräte mehr im Haushalt, die man zum Kochen braucht und keine Grundzutaten. Das Nichtkochen würde dann zu einem stabilen gesellschaftlichen Zustand.

 

Dieses Szenario ist nicht weit hergeholt, um einer solchen Entwicklung entgegenzuwirken wird Kochen vielerorts wieder an Schulen angeboten. Der Diskurs um die gesellschaftliche Bedeutung stellt bisher Gesundheitsaspekte in den Vordergrund. Das Kochen bietet außerdem Entscheidungsspielräume, um die eigene Ernährung nachhaltiger zu gestalten, Verschwendung einzudämmen, Transportwege und Flächenverbrauch zu reduzieren. So gesehen steht mit dem Kochen als gesellschaftlicher Praxis mehr als das Zubereiten von Lebensmitteln auf dem Spiel. Seine Verankerung in allen gesellschaftlichen Bereichen sollte also ernster genommen werden: als umwelt- und sozialpolitische Aufgabe und als wertvolle Praxis, die nur durch das Tun lebendig bleibt.

Kategorie: Lebensmittel, Tradition

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