27. November 2012, 12.12

Weißt du schon? - Oder träumst du noch?

  • Bild - langlebige, reparierbare Waschmaschine
  • Bild - Wegwerf-Waschmaschine - nicht reparierbar
  • Bild - Fehlerhafte Elkos
  • Bild - Eingepresste Grafikkarte

Das Phänomen kennen wir vermutlich alle: Kurz nach Ablauf der Gewährleistung gibt das fast neue Gerät seinen Geist auf, dabei hat sein Vorgänger doch bestimmt doppelt so lange gehalten, oder?

Bild 1: Hochwertige, reparierbare Waschmaschine

Bild 2: Billige Wegwerf-Waschmaschine

Bild 3: Schadhafte Elkos

Bild 4: Grafikkarte, eingepresst in eine Platine

Dass ein Gerät frühzeitig den Geist aufgibt, ist oft kein Zufall. Manche Produkte werden absichtlich so konstruiert, dass sie ein bestimmtes Alter nicht überschreiten. Geplante Obsoleszenz ist das bewusste Einbauen von Schwachstellen in Produkte, um deren Lebensdauer zu verkürzen. In Extremfällen werden extra Mechanismen eingebaut, die ein Gerät nach einer genau festgelegten Anzahl von Betriebsstunden außer Funktion setzen.


Beispiel EDV

Bei vielen Tonerkartuschen wurden zum Beispiel eingebaute Chips oder mechanische Zählwerke entdeckt, die das Produkt nach einer bestimmten Anzahl gedruckter Seiten vorzeitig in den Ruhestand schicken. Ein weiteres Beispiel, von dem Sepp Eisenriegler, der Chef des traditionsreichen Reparatur- und Service-Zentrums R.U.S.Z in Wien berichtet: „Immer häufiger werden Grafikkarten in Laptops defekt, die sich durch besseren Einbau und bessere Kühlung der Grafikkarte leicht vermeiden ließen. Wenn dann die Grafikkarte auch noch so eingepresst ist, dass man sie nur mitsamt der ganzen Platine tauschen kann, ist eine wirtschaftliche Reparatur kaum mehr möglich. Nur mehr 10% aller Laptops haben eine austauschbare Grafikkarte!" Eine weitere Fehlentwicklung ortet Eisenriegler in der neuesten Generation von Apple-Produkten: „Nachdem der Akku nicht mehr getauscht werden kann, bestimmt ein Verschleißteil die Lebensdauer eines hochkomplexen Produkts.“


Beispiel Unterhaltungselektronik
Vorzugsweise in den Netzteilen befinden sich Elektrolyt-Kondensatoren (Elkos), die der Hitzeentwicklung in den Geräten nicht standhalten. Dabei würden Elkos, die das schaffen nicht einmal 2 Cent mehr kosten. „Wir bekommen immer wieder Flat-TVs herein die zwei, drei Jahre alt sind. Wenn wir dann die aufgeblähten Elkos durch neue, stärkere ersetzen, sind die Kunden glücklich.
Allerdings wären derartige Reparaturen gar nicht notwendig, wenn die Hersteller bei der Produktion gleich die richtigen Elkos einbauen würden.“


Beispiel Haushaltsgeräte
Bei Billigwaschmaschinen besteht der Bottich aus Kunststoff und nicht aus Edelstahl. Oft sind die Stoßdämpfer zu schwach. Der dann auftretende Lagerschaden kann nicht repariert werden, weil der Lagersitz im Kunststoffbottich ausgeschlagen ist. Der Tausch des Bottichs kostet fast so viel wie eine neue Wegwerf-Waschmaschine.

Eisenriegler erinnert sich: „Wie wir vor 15 Jahren mit dem R.U.S.Z begonnen haben, lag die durchschnittliche Gebrauchsdauer von Waschmaschinen noch bei 12 Jahren. Heute liegt sie bei 6,5 Jahren. Das ist nicht nur diversen Verschrottungsprämien und der Energieeffizienzlüge1 zu „verdanken“. Das hat auch mit der Zunahme von verkauften Billiggeräten zu tun. – Geplante Obsoleszenz inklusive!“
So werden in Österreich pro Jahr 500.000 Waschmaschinen getauscht! Zur Veranschaulichung: Würde man diese Menge an Waschmaschinen Kante an Kante entlang der Westautobahn aufstellen ergäbe das eine Kette von Wien bis Salzburg. – Und das nur Waschmaschinen – und das pro Jahr. Im vergleichsweise winzigen, österreichischen Markt! Bei der Konstruktion von Geräten die Kriterien Langlebigkeit und Reparierbarkeit nicht zu beachten, bedeutet eine bewusste Verkürzung der Produktlebensdauer.


Zur Klimarelevanz erhöhter Produktnutzungsdauer
Reparatur und Wieder-/Weiterverwendung ist nicht nur eine Frage der Ressourceneffizienz, sondern auch der Klima-Relevanz.
So stellen seriöse, durchaus wirtschaftsfreundliche, wissenschaftliche Institute fest, dass allein durch die Wiederverwendung von Gebrauchsgütern pro Tonne das entsprechende Gewichtsäquivalent (also wiederum eine Tonne) an CO2-Emissionen eingespart wird. Bei der Wieder-/Weiterverwendung eines drei Jahre alten PC für weitere drei Jahre werden nicht nur 105kg CO2-Emissionen, sondern auch 550 Liter Wasser eingespart. Bei Haushaltsgeräten wird das fünffache CO2-Einsparungspotential durch Wieder- oder Weiterverwendung angenommen.


Geht´s der Wirtschaft gut, geht´s uns allen gut?
„Was machen Hersteller, um der kapitalistischen Logik nach permanentem (quantitativem) Wachstum zu entsprechen, wenn bei stagnierendem Bevölkerungswachstum und einer Durchdringungsrate der Haushalte von über 90% die Nachfrage nach Waschmaschinen sinkt? Die Produkte müssen früher zu Schrott werden!“ empört sich Eisenriegler über zunehmende Ressourcenverschwendung zum Wohle der Shareholder, aber zum Nachteil künftiger Generationen. „Und wenn die konservativen Ökonomen recht haben mit dem Wachstumszwang des kapitalistischen Systems, dann muss man eben das System ändern!“
Denn spätestens hier endet die Nachfrageorientierung unseres Wirtschaftsystems. Eine angebotsorientierte Wirtschaftsweise bringt ressourcenintensive Produkte hervor, die keiner braucht. Wer braucht Wegwerf-Produkte mit immer kürzeren Nutzungszyklen? Wer braucht Produkte, deren Promotion einen immer höheren Anteil ihres Verkaufspreises verschlingt? Wer braucht Tamagochi?
Jetzt sind sozialwirtschaftliche Modelle gefragt. Sozialwirtschaft ist die Produktion von Gütern und Dienstleistungen außerhalb des Marktsystems. Sie ist als eigener, dritter Wirtschaftssektor, als „Pol der Gemeinnützigkeit“ zwischen kapitalistischem und öffentlichem Sektor positioniert, besteht aus einem breiten Spektrum von Akteuren und sorgt für eine stabile, nachhaltige Wirtschaftsentwicklung durch: Anpassung von Dienstleistungen an Bedürfnisse, Erhöhung des Wertes von Wirtschaftstätigkeiten, die sozialen Bedürfnissen dienen, Förderung einer gerechteren Einkommens- und Wohlstandsverteilung, Korrektur von Arbeitsmarktverzerrungen, Förderung der Vertiefung der Wirtschaftsdemokratie.

Aus institutioneller Sicht umfasst die Sozialwirtschaft jene Einrichtungen, die bei ihrer Leistungserstellung das Ziel verfolgen, das Wohlergehen von Menschen zu fördern. Eine Abgrenzung aus funktionaler Sicht stützt sich auf die Art und Weise der Betätigung in diesem Bereich, wobei Solidarität als Grundprinzip herrscht und Bedarfs‐ statt Gewinnorientierung im Vordergrund steht.
Sozialwirtschaft agiert antizyklisch und greift Geschäftsfelder auf, die keine (großen) Profite erwarten lassen. Meist dienen sie der Befriedigung echter Bedürfnisse und nicht werbewirtschaftlich geschaffener Bedarfe. Oft wird durch sozialwirtschaftliches Engagement Marktversagen ausgeglichen.
So hat das R.U.S.Z die Reparaturdienstleitung neu erfunden, gemeinsam mit Partnern das ReparaturNetzWerk Wien initiiert und innerhalb der letzten 12 Jahre zu einem Qualitätsverbund von mittlerweile 55 seriösen Reparaturbetrieben ausgebaut. Das umfassende Angebot hat Wien zur reparaturfreundlichsten Millionenstadt der EU werden lassen!
Vorher hat es nur mehr so genannte Kundendienste der Herstellerfirmen gegeben, die als verlängerter Arm der Verkaufsabteilung agierten. Auch diese Entwicklung war von den Herstellern gesteuert: Wenn niedrige Einheitssätze pro Reparatur an die „Kundendienste“ bezahlt werden, hingegen hohe Prämien für den Verkauf von Neugeräten, verwundert es nicht, wenn wirtschaftliche Totalschäden diagnostiziert werden wo keine sind. Im April 2004 wurde in einer Help-TV-Sendung gezeigt, dass R.U.S.Z-TechnikerInnen in der Lage sind, vier von fünf solcher „Totalschäden“ während der Sendezeit dieser Live-Sendung zu reparieren!


It´s the ecology, stupid!
sagt Marina Fischer-Kowalski, die Grand Dame der „Sozialen Ökologie“5 und meint, „dass die Ökonomie die Ökologie nicht überlisten kann und jede Hoffnung auf weiteres materielles Wachstum unserer Industriegesellschaft direkt in die Sackgasse führt.“
Jedes Volksschulkind versteht, dass ein endlicher Planet kein unendliches Wachstum verträgt. Aber genau dieses (quantitative) Wachstum empfehlen stupide Ökonomen und beziehen sich auf das beliebteste aller Patentrezepte zur Bewältigung der Wirtschaftskrise: Wachstum! Steigt das Bruttoinlandsprodukt – der angebliche Maßstab unseres Wohlstands –, werden die bislang angehäuften Schulden automatisch kleiner und lassen sich soziale Spannungen sowie Verteilungskonflikte leichter lösen. Nur: Diese Milchmädchenrechnung funktioniert nicht mehr. Zumindest nicht wenn Ressourceneffizienz völlig außer Acht gelassen wird. Wenn der Mensch – angeblich ein intelligente, vernunftbegabtes Wesen – darauf wartet, dass die „unsichtbare Hand des Marktes“ das regelt, könnte es zu spät sein: Produkte werden irgendwann die ökologisch und sozial wahren Preise sprechen müssen. Externe Effekte, die durch Ausbeutung der Rohstoffe und ArbeiterInnen in der Produktion in Billiglohnländern heute noch möglich sind, wird es morgen nicht mehr geben. Schon jetzt muten wir unserem Planeten weit mehr zu, als von diesem verkraftet werden kann: Die Weltbevölkerung wächst weiter, die Rohstoffe werden immer knapper, der Klimawandel schreitet voran, Regenwälder werden abgeholzt, Meere leer gefischt, und der Wettlauf um die letzten verfügbaren Ackerflächen hat begonnen.


Wir brauchen eine Ressourcen-Schubumkehr. – Jetzt!
Wir haben zurzeit möglicherweise den Höhepunkt des Materialismus in der Geschichte der Menschheit erreicht. Dementsprechend definieren wir Erfolg und Wachstum überwiegend in materiellen Größen. Auf volkswirtschaftlicher Ebene zeigt sich das in der Fixierung auf das Bruttoinlandsprodukt. Auf individueller Ebene zeigt sich das im Konsumrausch und darin, dass es wichtig ist, immer das Neueste zu besitzen und etwas Tolleres als die Anderen.
Es ist uns nicht gelungen, das Wirtschaftswachstum vom Verbrauch an Rohstoff- und Energieressourcen zu entkoppeln. Mit dem Wirtschaftswachstum steigt der Verbrauch stetig weiter an, auch wenn wir diesen Anstieg durch mehr Effizienz etwas verlangsamen konnten. Es bleibt dennoch ein kontinuierlicher Anstieg.
Nachhaltige Entwicklung versucht, die drei Dimensionen Wirtschaft, Natur und Soziales „unter einen Hut zu bringen“. Der Naturverbrauch muss dafür sinken und im sozialen Bereich soll die Lebensqualität der Menschen bei sinkendem Ressourcenverbrauch steigen. Damit ergibt sich, dass das was wachsen soll, die Lebensqualität ist. Nachhaltiges Wachstum ist also ein Wachstum der Lebensqualität bei sinkendem Ressourcenverbrauch. Damit verbessern wir auch die Möglichkeiten der zukünftigen Generationen, ein „gutes Leben“ zu führen.
Wenn wir das erreichen wollen, müssen sich das Bewusstsein der Menschen und ihr Verhalten ändern. Das ist ein hoch gestecktes Ziel. Erfreulicherweise steigt einerseits die Zahl der Menschen, für die das gilt, langsam aber ständig. Andererseits gibt es auch eine steigende Vielzahl von Veröffentlichungen und praktischer regionaler Beispiele, die zeigen, wie eine nachhaltige Gesellschaft funktionieren kann. Für eine echte Wendung in diese Richtung sind viele mutige Schritte von Politik, Wirtschaft und KonsumentInnen gefragt.
Ein wichtiger Punkt beim „weniger Konsumieren“ besteht darin, Dinge länger zu nutzen. Das bedeutet Reparatur und Upgrade. Reparieren vermeidet Abfälle und schont die Rohstoff- und Energieressourcen. Außerdem tragen Reparaturarbeiten zur Erhaltung von Arbeitsplätzen in der Region bei. Langlebige Geräte und Reparieren, um die Nutzungsdauer zu maximieren, sind ein Gebot der Stunde!


Gehen wir´s an!
Eine häufige Ursache dafür, dass Produkte rasch weggeworfen werden, ist auch die rasante Beschleunigung von Produktionszyklen. Kommentare aus dem Umfeld, die man erhält, wenn man mit seinem unmodernen Handy telefoniert, machen funktionierende Produkte zu Müll. „Um dazu zu gehören“ braucht es das neueste Modell. Nur gefestigte Charakter stehen über diesem sozialen Druck aus dem Umfeld, der auch „Psychologische Obsoleszenz“ genannt wird: Fernseher, die uns vor drei Jahren noch als Geräte mit unschlagbarer Bildqualität verkauft wurden, gelten schon kurz darauf in der Werbung als "Dreck", den man "weghauen" müsste. Auf viele Geräte folgt nach wenigen Monaten bereits das Nachfolgemodell, oft stellt der versprochene technische Fortschritt bei genauem Hinschauen allerdings keinen tatsächlichen Mehrnutzen im Vergleich zu älteren Modellen dar.
Bei emotional aufgeladenen Produkten tun sich viele KonsumentInnen am schwersten, aber bei bestimmten Haushaltsgeräten scheint eine Umstellung auf andere Konsummuster möglich. Müssen wir eine Waschmaschine wirklich in Besitz nehmen, um über saubere Wäsche zu verfügen? Wir kaufen doch auch kein Passagierflugzeug um in den Urlaub zu fliegen.


Wie wäre es mit einer gemieteten Waschmaschine, deren Mietgebühr vom Energieversorger über Smart Metering gleich transparent mit abgerechnet wird?6 Wenn Produkte im Besitz ihrer Hersteller verbleiben und sie ihre Profite über Mieteinnahmen hereinspielen, würden die Produkte automatisch langlebig und leicht reparierbar konstruiert. Der Elektrohandel hätte mit der Bereitstellung solcher „ewig lebender“ Produkte und der zugehörigen Administrierung solcher Produkt-Dienstleistungssysteme Zukunft.
Zusätzlich ist eine Steuerreform, die den Einsatz begrenzter Rohstoffe verteuert und menschliche Arbeit entlastet, notwendig. Die Politik muss die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft anpassen. Aber nachdem es naiv ist anzunehmen, dass vorwiegend nationale Politik der globalisierten Wirtschaft ordnungspolitische Maßnahmen vorgeben kann, wäre ein einheitlicher EU-Wirtschaftsraum, der auch starke sozialwirtschaftliche Akteure beinhaltet, Voraussetzung. Der EU-Fahrplan für ein ressourcenschonendes Europa7 ist ambitioniert. Es fehlen zwar konkrete Zielvorgaben, aber die könnten doch auch von unten kommen?


Darum: Zivilgesellschaftliches Engagement ist unverzichtbar. Der Kunde ist doch angeblich König? Holen wir uns doch die Gestaltungsmacht, die wir laut Interessensvertretern des Handels haben: „Wir bieten nur an, was gekauft wird!“
Geplante Obsoleszenz kann künftig nur so wirklich verhindert werden.

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